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Fino

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Fino

Die Razzia seiner Mutter im Kinderzimmer erinnert den achtjährigen Fino an gestohlenes Ferienglück, an ihr altes Misstrauen gegenüber seinem Onkel. Um die Familie wieder zusammenzubringen, zerrt eine unerwartete Verbündete die Vergangenheit ins Rampenlicht.

Fino — Eine Familiengeschichte

Paperback: 272 S., € 14,80 — Bestellung über den Autor

Leseprobe


Kapitel 1

Fino ist sauer. Grottensauer.

Immer Ärger mit Mama. So richtig Ärger. Wütend rennt er in sein Zimmer, knallt die Tür zu und schmeißt sich bäuchlings aufs Bett. Sein Gesicht verschwindet im Kopfkissen.

Fino will nicht weinen. Er ist schon groß. Mit acht weint man nicht mehr.

Fino will nichts sehen. Er will nichts hören. Schon gar nicht das Gezeter seiner Mutter. Er will gar nichts. Nein, und überhaupt, und vor allem — gar nichts.

Doch. Ich will …

Scheiße — jetzt muss er doch weinen. Finos Kummer hechtet wie ein wütender Affe auf seinen Rücken und springt und trampelt auf ihm herum. Er packt den Jungen an den Schultern und schüttelt ihn so fest er kann. Immer und immer wieder. Lässt Fino kaum Zeit zum Atemholen. Herzbeben der Stärke acht. Das Kissen, die Matratze, das Bett, das ganze Zimmer wackelt und wimmert und weint. Der Kummeraffe fletscht die Zähne und kreischt vor Schadenfreude.

Fino ist gerade der einsamste Mensch auf der Welt. Alle anderen haben sich irgendwohin verkrochen, um ihn mal so richtig alleine zu lassen. Die sind so gemein. Die sollen nur wegbleiben. Vielleicht sitzen sie ja gerade auf irgendeinem Planeten, beobachten ihn aus der Ferne und lachen sich eins.

Ich hasse sie. Alle, alle, jeden. Keiner hilft mir. Keiner tröstet mich. Niemand mag mich.

Fino heult auf. Es gibt in diesem Moment kein größeres Unglück als seines. Keinen größeren Schmerz.

Fino weint nicht oft.

Fast alle, die ihn kennen, mögen ihn, besonders dann, wenn er sie mit seinem Lachen ansteckt, oder wenn er mal wieder verrückte Fragen stellt, die einem Erwachsenen nie einfallen würden. Neulich wollte er zum Beispiel von seiner Lehrerin wissen, wie Elefanten in der Nase bohren. Da hat sich die ganze Klasse gekringelt vor Lachen. Wenn man ihn fragen würde, wann er das letzte Mal geweint hat, dann käme von ihm sicher die Antwort „Keine Ahnung”. Keine Ahnung, das ist sein Lieblingssatz. Der passt immer — na ja, fast immer. Den kann er sagen, wenn er wirklich mal keine Ahnung hat, das kommt bei Fino aber kaum vor, oder wenn er keine Lust hat zu antworten, was wiederum recht oft vorkommt.

Finos Kummeraffe ist zwar stark, doch bald wird ihm langweilig. Als aus dem Kissen eine Zeit lang nur noch leises Schluchzen und Wimmern dringt, gelingen ihm gerade noch ein paar müde Hopser. Dann trollt er sich davon.

Fino dreht den Kopf zur Seite und blinzelt mit einem Auge zur Tür. Es ist ganz still. Er traut dem Frieden nicht. Von Mama nichts zu hören. Gut. Er dreht sich auf den Rücken, schnieft einmal feste und streicht sich die braunen Fransen aus dem verheulten Gesicht. Sein Atem geht wieder ruhiger. Kein Nachbeben. Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf, sieht zur Zimmerdecke und denkt nach.

Fino kann gut denken. Das behauptet zumindest sein Vater. In der Schule hängt ein großes Schild neben dem Eingang. Auf dem steht Denken hilft. Das findet er auch. Und jetzt muss er ganz viel nachdenken. Damit es auch ganz viel hilft.

Nach ein paar Minuten steht er auf und wischt sich mit den Handballen die letzten Tränenreste aus den Augenwinkeln. Sein Blick streift den Haufen mit Klamotten auf dem Boden, die leeren Stellen im Bücherregal, dort, wo er die Fotos versteckt hatte. Noch einmal schniefen. Er drückt die Klinke und öffnet leise die Tür.

Fino hat eine Idee.

Kapitel 2

Fino kam an einem kalten Januartag zur Welt. Um genau zu sein: an einem achten Januar.

Die ganze Nacht hindurch hatte es geschneit, und die Menschen quälten sich morgens in ihren Autos durch die verstopften Straßen oder sie stampften mit den Stiefeln auf den Bahnsteigen gegen die Kälte in ihren Füßen. Oder sie quetschten sich in die Busse, deren Fenster beschlagen waren, so dass nur die Leute, die fleißig wischten, den Flockentanz im Licht der Autoscheinwerfer sehen konnten. Draußen klang jedes Geräusch, als käme es aus einem großen, weichen Kuschelkissen. Oben wirbelten die Schneekristalle um die Laternen, unten wimmelten die Menschen. Die großen fürchteten sich, auf dem festgetrampelten Schnee auszurutschen, die kleinen konnten gar nicht genug davon bekommen, sich und — ganz aus Versehen natürlich — auch mal den einen oder anderen Erwachsenen mit Schneebällen zu bewerfen. Die Menschen standen unter Schirmen an den Fußgängerampeln im angematschten Schnee und bliesen wie die Autos weiße Wolken in die Luft. Die großen Leute schwiegen, die kleinen schnatterten. Einige Frauen liefen mit tief gebeugtem Kopf durch das Schneetreiben, denn sie sorgten sich um ihren Lidschatten.

Bei diesem Super-Sauwetter begrüßte Fino seine neue Welt mit einem Schrei in der besten Klinik der Stadt.

Gehört haben den Schrei nur wenige Menschen. Das waren natürlich seine Mutter und diejenigen, die im Kreißsaal dabei waren. Und vielleicht auch noch die auf dem Flur und in den Räumen daneben. Finos Vater gehörte jedenfalls nicht dazu. Alle anderen Einwohner von Kryptingen hatten Besseres zu tun, als dem Schreien Finos zu lauschen.

Finos Vater hatte seine Frau gestern Abend bei einsetzendem Schneefall in die Klinik gefahren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte er viel lieber das Fußballspiel im Fernsehen zu Ende geguckt. Zumal sein Lieblingsverein gerade knapp zurück lag.

„Konrad, es wird ernst”, hatte Lotta ruhig gesagt, „lass uns fahren.”

Sie war während einer turbulenten Situation im Strafraum des SC Kryptingen im Türrahmen erschienen und hatte sich mit bedeutungsvoller Miene den Bauch gehalten. Konrad gab gerne den gereiften Gentleman, zumal er, groß und grau-meliert, durchaus so aussah und gute zwölf Jahre älter war als Lotta. So war es ihm gelungen, ein Stöhnen zu unterdrücken.

„Ja, mein Schatz, fahren wir.”

Und dann hat Fino sich noch etwas Zeit gelassen. Als wollte er unbedingt in einer tief verschneiten Stadt zur Welt kommen und nicht in einer schmutzig grauen. Die Verspätung nahm sein Vater ihm ein bisschen übel. Wegen des Fußballspiels. Das hätte er noch locker zu Ende sehen können. Auch Lotta hätte nicht so drängeln müssen.

...